Tief in Dir verwurzelt

Wie schon in der Einleitung unseres Kalenderbuches beschrieben, ist der ayurvedische Begriff für Gesundheit Swastha, was so viel bedeutet, wie „in sich selbst ruhen / in sich selbst verwurzelt sein“. Dieser Begriff möchte uns an die in jedem von uns innewohnende tiefe Weisheit erinnern. Der Ayurveda nennt es höheres, wahres oder inneres Selbst, Christen nennen es die Seele.
Es ist die Heimat unseres stillen, klaren Bewusstseins, das wie ein innerer Beobachter funktioniert. Wir ändern uns mit jedem Moment, doch die Instanz, die das alles wahrnimmt bleibt gleich. Unsere Seele war schon dieselbe als wir zu Welt kamen, als wir damals in die Schule gekommen sind, als wir unseren ersten Kuss bekommen haben und als wir unsere erste eigene Wohnung bezogen haben. Und sie ist dieselbe, die heute diese Zeilen liest und wird dieselbe sein, wenn wir diesen Körper zurücklassen werden. Sie findet ihren individuellen Ausdruck über die Einheit, die Körper und Geist und unsere Sinne bilden und ist somit ein untrennbarer Teil der Natur und Teil des großen Ganzen.
Wenn wir unsere Augen für einen Moment schließen und ruhig atmen, spüren wir diese großartige Verbindung und das wir in jedem Moment unseres Lebens darauf vertrauen dürfen, getragen zu sein.
Nach den vedischen Schriften geht es bei der Frage nach dem Ziel des menschlichen Lebens genau darum: die Erkenntnis des höheren Selbst. Das Wiederauffinden dieser weisen Instanz in uns. Des inneren Ortes, an dem sich alles bereits in perfekter Ordnung und Harmonie befindet. Dieser Raum ist vollkommen, gänzlich unberührt von Leid, Stress und Krankheit. Der Anteil, der niemals müde und erschöpft ist und die nie versiegende Quelle an Energie und Liebe.
Wenn wir uns häufiger mit dieser Quelle, unserem Selbst verbinden, werden wir stressresistenter und gelassener. Wir leben unsere Wahrheit. Wir lassen uns nicht mehr so sehr vom täglichen Trubel anstecken und dramatischen Ereignissen aus unserer Mitte ziehen und werden nach und nach zum Beobachter unserer eigenen Schaupielstücke.
Wir finden diesen inneren Raum in bewusster Stille, in einer Sitz-Meditation oder in einem Gebet. Oder in Momenten, in denen wir ganz im Hier und Jetzt sind, uns vergessen und eins werden mit der Tätigkeit, z.B. Yoga, Gehmeditation, Malen, Tanzen, Kochen, Gehmeditation, Waldspaziergang.

Solange wir im guten Kontakt mit uns selbst sind und tief in uns wurzeln, handeln wir zu unserem Wohle und zum Wohle anderer. Wir erfahren Glück, Gesundheit und Wohlbefinden. Verlieren wir die Verbindung zu unserer Seele und zur Körper-Geist-Einheit, fühlen wir uns unwohl und auf Dauer müde und erschöpft. Wir tun dann eher Dinge, die uns und anderen schaden. Wir erzeugen Spannungen und Stress in uns und unserem Umfeld. Anschließend versuchen wir die aufkommenden, unangenehmen Gefühle durch kompensatorisches Verhalten wieder abzudämpfen, z.B. Schoki in einer stressigen Situation essen.
Nix gegen ein Stück Schoki zum Kaffee oder ein Glas Rotwein am Abend. Aber wenn wir dies ständig tun, laufen wir Gefahr einen unzuträglichen Lebensstil zu entwickeln.
In einer Zeit, in der sich die Arbeitsabläufe scheinbar immer mehr beschleunigen und die Informationsflut, die täglich über uns hereinbricht immer größere Ausmaße annimmt, wird es immer schwieriger die feinen Impulse wahrzunehmen, die aus unserem Herzen kommen. Sie werden von den Eindrücken und vielfältigen Möglichkeiten des täglichen Lebens überlagert. Die Sprache der eigenen Seele ist nur schwer zu vernehmen, wenn es laut und hektisch in unserem Hamsterrad zugeht. Je schneller wir uns darin drehen, desto mehr entfernen wir uns von unserem Kern, unserer weisen Instanz.

Von außen oder von uns selbst auferlegter Erfolgs- und Termindruck und ungünstige Vergleiche mit Anderen sowie das Bestreben, einem in den Medien vorgelebten vermeintlich glücklichen und gesunden Lebensstil zu folgen, stressen uns zusätzlich. All das führt uns eher weg von unserem weisen, inneren Ratgeber.

Prajna aparadha - „Fehler des Intellekts“ wird dieses „Handeln wider besseren Wissens“ oder auch „Handeln gegen unsere innere Weisheit“ im Ayurveda genannt.
Einfach gesagt, unsere Lampe der Achtsamkeit war ausgeschaltet. Wir haben den Stecker zu unserer inneren Weisheit gezogen. Warum tun wir das? Ganz einfach: weil wir Menschen sind.
Doch uns sollte klar sein, dass sich durch das ständige Wiederholen von falsch programmierten Verhaltensweisen Störungen entwickeln können und sofern wir sie nicht stoppen pathologisch werden können.
Der Ayurveda sagt: Gesundheit und Krankheit fangen im Geist an.

Da diese Lehre deutlich mehr Freude an der Gesundheit hat, wird großen Wert auf Eigenverantwortung und Prävention gesetzt. Ayurveda ist der medizinische Arm des yogischen Systems und es geht, wie schon geschrieben, in seiner Essenz darum
  • unsere Selbsterkenntnis zu schulen
  • unsere Wahrnehmung für die eigenen Bedürfnisse zu schärfen, diese liebevoll anzuerkennen und als Folge
  • seinen Lebensstil entsprechend anzupassen
Hier liegt ein großes Potential zur Verbesserung und der Schlüssel zu unserer Gesundheit.

Die Korrektur des Lebensstils ist vergleichbar mit dem Wenden eines großen Kreuzfahrtschiffs auf hoher See. Sie braucht Zeit und Raum, Beharrlichkeit und vor allem Geduld mit sich selbst. Es ist ein Akt der Selbstliebe und verdient sehr viel Respekt und geschieht in kleinen, achtsamen und liebevollen Schritten, von dem jeder gewürdigt werden darf.
Es ist ein immer neues Überprüfen und immer mehr Weglassen anstatt ein Draufpacken, vor allem von den Dingen, von denen wir ganz genau fühlen, dass sie uns leid zuführen und uns schaden.
Ayurveda lehrt uns ein Leben in Einfachheit, in innerer Zufriedenheit und im Einklang mit der Natur. Die Lehre betrachtet alle Aspekte zwischen Geburt und Tod. Auf beide Zeitpunkte haben wir keinen Einfluss; auf alles, was dazwischen liegt sehr wohl. Wir haben die Wahl darüber zu entscheiden, was wir denken, was wir tun und was wir lassen. Wir haben es selbst in der Hand, ob wir uns für Glück und Gesundheit entscheiden. Z.B. durch das Etablieren von kleinen, heilsamen Tagesroutinen (Dinacharya). Nicht dogmatisch, sondern immer in kleinen Schritten, liebevoll und im Einklang mit seiner inneren Stimme.

Bauen wir häufiger kleine Inseln in unserem Alltag ein, um einen Moment innezuhalten und das Leben selbst genussvoll ein- und dankbar wieder auszuatmen.
Schärfen wir unsere Sinne für die kleinen, einfachen und schönen Dinge des Lebens.
Sammeln wir die glücklichen Momente wie Perlen und werden wir zu Glücksperlensammlern.
Speichern wir die Erfahrung bewusst in unserem liebenden Herzen ab. Denn die Erfahrung ist das Einzige, was wir auf unserer Reise mitnehmen können.